• Experten-Einblicke

Ist Indien das neue Eldorado der Automobilindustrie für OEMs und Zulieferer?

Angesichts der sich entwickelnden wirtschaftlichen Dynamik haben die USA in letzter Zeit eine "Friendshoring"-Strategie verfolgt

Von Neil Endley, Global Director Consulting & Engineering, TRIGO Group

Das deutsche Wirtschaftsministerium kündigte im Dezember 2023 das vorzeitige Ende der Kaufprämie für Elektrofahrzeuge an – ein Jahr früher als ursprünglich geplant. Diese Ankündigung kam für die gesamte Automobilindustrie überraschend. Hintergrund ist ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das den 60-Milliarden-Euro-COVID-Fonds, der teilweise für die Energiewende vorgesehen war, für ungültig erklärt hat. Bis dahin erhielten Käufer von Elektroautos Zuschüsse von bis zu 4.500 Euro, ergänzt durch Herstellerboni auf insgesamt fast 7.000 Euro. Seit 2016 hat die Bundesregierung den Erwerb von über zwei Millionen Fahrzeugen gefördert, davon rund 500.000 allein im Jahr 2023.

Seit dem Wegfall dieser Umweltprämie ist der Absatz von Elektrofahrzeugen in Deutschland stark eingebrochen. So sank laut VDA die Zahl der Neuzulassungen batterieelektrischer Fahrzeuge um 31 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Das Handelsblatt warnte, dass die Abschaffung der Förderung das Ziel gefährde, bis 2030 rund 15 Millionen Elektroautos auf die deutschen Straßen zu bringen. Dieses Ziel galt bereits zuvor als schwer erreichbar – nun scheint es nahezu unrealistisch. Dies ist ein weiterer Rückschlag für die deutschen Hersteller, die zusätzlich mit wachsender Konkurrenz aus China konfrontiert sind.

Der Eintritt chinesischer Elektrofahrzeughersteller in den europäischen Markt ist ein strategisch geplanter Schritt. Der heimische Markt in China hat zuletzt an Dynamik verloren, weshalb die Unternehmen Europa als neuen Wachstumsmotor identifizieren. Sie verfügen über hohe Produktionskapazitäten und kontrollieren große Teile der Wertschöpfungskette. Hans Gerd Düsterwald, EVP Continental Europe bei der TRIGO GROUP, erklärt, dass chinesische Hersteller bestens aufgestellt sind und über erhebliche finanzielle Ressourcen verfügen – unterstützt durch staatliche Subventionen, die Teil der Expansionsstrategie sind.

Viele chinesische Akteure starteten als Batteriehersteller oder Zulieferer westlicher Automobilkonzerne, bevor sie ihr Portfolio erweiterten und selbst Elektrofahrzeuge produzierten. Sie stellen nahezu alle elektronischen Komponenten selbst her, mit Ausnahme von Reifen und Windschutzscheiben. Ihre geringeren Produktionskosten verschaffen ihnen einen deutlichen Vorteil – besonders in einer Zeit, in der alle Hersteller versuchen, Kosten zu reduzieren.

Von jenen chinesischen Unternehmen, die 2023 mehr als 1.000 Elektroautos in Deutschland zulassen konnten, gelten derzeit nur zwei als ernsthafte Wettbewerber für etablierte Marken: MG und BYD. Beide setzen auf aggressive Preise und gut durchdachte Lieferstrategien. BYD kündigte Ende 2023 den Bau einer Fabrik in Ungarn an, um eine robuste Lieferkette für den europäischen Markt sicherzustellen. Als erster Hersteller, der weltweit mehr als fünf Millionen Elektrofahrzeuge produziert hat, verfolgt BYD ehrgeizige Ziele in Europa. Das Unternehmen betreibt inzwischen sogar eigene Frachtschiffe, um internationale Fahrzeuglieferungen zu steigern.

Die komplexen Vertriebsnetze für Fahrzeuge in Deutschland bilden derzeit eine Art letzte Verteidigungslinie gegen eine mögliche Marktüberschwemmung durch chinesische Hersteller. Gleichzeitig birgt diese Situation auch Chancen: Europa könnte Verbrauchern einen breiteren Zugang zu günstigeren Elektrofahrzeugen ermöglichen. Damit dies langfristig realistisch bleibt, müssen die europäischen Hersteller jedoch rasch handeln, um nicht von der Konkurrenz abgehängt zu werden.

Die Entwicklung bereitet der Europäischen Kommission große Sorgen. Sie leitete im Dezember 2023 eine Antisubventionsuntersuchung gegen chinesische Hersteller ein und hat inzwischen vorläufige Strafzölle verhängt. Ab dem 5. Juli gelten zusätzliche Abgaben zwischen 17,4 und 37,6 Prozent – zuzüglich des bereits bestehenden Einfuhrzolls von 10 Prozent. Die Maßnahmen sind vorläufig, da die Verhandlungen zwischen Brüssel und Peking andauern. Die endgültigen Zölle könnten im November in Kraft treten. Für Exporte nach Europa bedeutet das, dass die betroffenen Hersteller ihre Preise voraussichtlich erhöhen müssen. Besonders im Fokus der EU stehen Geely (MG), BYD und SAIC.

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